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    Categories: : Famulatur/PJ

Selbstbehauptung in der Praxis – Ansichten einer PJlerin im Stationsalltag

„Was wollen Sie eigentlich werden?“

Der Reifungsprozess im Praktischen Jahr (PJ) ist in den meisten Fällen von zahlreichen Höhen und Tiefen geprägt. Während eine befreundete PJlerin bereits nach einer Woche gemerkt habe, wie sich ihr Auftreten den Patienten auf Station gegenüber maßgeblich verändert und sie in erheblichem Ausmaß an Sicherheit gewonnen habe, scheinen die Erfahrungen anderer angehender Ärzte so kurz vor der allerletzten mündlichen Prüfung bis zum ersehnten Approbationsantrag auch nach zahlreichen Tertial-Wochen tagein, tagaus neben Höhenflügen auch durchaus von Ernüchterungen geprägt.

Obwohl man vor dem Eintritt in das Praktische Jahr zwar schon diverse Blockpraktika und Famulaturen gemacht hat, kann es einem passieren, dass man beim Blutentnehmen (im – zur Zeit umstrittenen – weißen Kittel) vom Patienten gefragt wird, was man denn überhaupt eigentlich werden wolle und was man hier eigentlich mache. Ärztin, sagte ich, wolle ich werden, und dachte, nach sechs Jahren intensivem Studium, vielen Praktika und einer Vielzahl an Prüfungen wäre dies dann doch das ersehnte Ziel… Manchmal schafft man es dann bei gefühlt siebenundzwanzig verschiedenen Blutentnahmepatienten an einem Morgen dann doch nicht, sich jedes Mal komplett mit Namen, Funktion, Hierarchiegrad, angestrebtem Vorhaben sowie einem Handschlag dem Patienten vorzustellen.

Auf der anderen Seite jedoch freut man sich insgeheim dann doch sehr über die gegenteilige Erfahrung: Ein offenkundig sehr wacher und sich weitestgehend in gutem Allgemeinzustand befindender Patient äußerte, dass die vom Studenten probierte, mit langwierigem Suchen verbundene und letztlich fehlgeschlagene Venenpunktion zu früherer Stunde ja nicht geklappt habe und er sich freue, dass jetzt endlich eine Ärztin da wäre, bei der das Blutentnehmen wie erwartet so rasch und reibungslos funktioniere. Auch das ausdrückliche Lob einer Patientin im Beisein des Chefarztes bei der Visite über die guten Blutabnahmen bringt Helligkeit in einen langwierigen PJ-Alltag auf einer internistischen Normalstation. Umgekehrt kann dann einen Tag später allerdings schon der Rückschlag folgen, wenn man den die Visite beginnenden Oberarzt fragt, ob man die anstehenden Blutentnahmen nicht wenigstens „kurz“ pausieren könne, um an den Gesprächen am Patientenbett teilnehmen zu dürfen. Bei Verneinung dieses Begehrens ist die Stimmung im Keller, man fühlt sich leicht als Student im letzten Jahr nicht ernstgenommen, und muss sich mit wohlgesonnener Miene in bester Absicht weiter den angeordneten Aufgaben ergeben.

Dem Leser könnte inzwischen der Eindruck entstehen, dass sich die Verfasserin des Textes im Praktischen Jahr ausschließlich mit der Entnahme von Blut als ausschließlicher Stationsarbeit befasse, diesen Eindruck gilt es schleunigst zu widerlegen.

Auch das Briefeschreiben gehört zum ärztlichen Alltag dazu. Im PJ ist es auf manchen Stationen gut möglich, dass diese Tätigkeit sanft und ohne Aufhebens an einem vorbei plätschert, sodass man dem Diktiergerät erfolgreich und konsequent ausweicht. Allerdings macht es durchaus Sinn, schon im PJ das Verfassen von Arztberichten ausgiebig zu üben; nicht nur für die mündliche Prüfung, sondern selbstverständlich auch für die spätere Tätigkeit als Arzt. Aus eigener Erfahrung ist es gerade zu Anfang leichter, nicht zu diktieren, sondern den Brief direkt als vorläufigen Entwurf herkömmlich zu tippen um ihn dann im Anschluss mit einem Assistenzarzt oder Oberarzt noch einmal durchzugehen. So lernt man schnell, welche Vorgaben in dem Krankenhaus einzuhalten und welche Formulierungen zu präferieren sind. Beim gemeinsamen Besprechen, sofern es die Zeit hergibt, ruft die Äußerung der Assistenzärztin, woher man denn so gut Briefe schreiben könne, innerlich dann große Freude hervor.

Andererseits ist das Erlernen und Verfestigen von Standardprozeduren im Gegensatz zum Schreiben, was man mehr oder weniger seit der Kindheit (wenn auch sicherlich mit anderen Inhalten) tut, eine andere Sache: Beispielsweise ist es frustrierend, wenn man bei einer Aszitespunktion als interessierter PJler assistiert, der durchführende Oberarzt einem versichert, dass man dies beim nächsten Mal selber machen dürfe und es dann aber kein nächstes Mal gibt. Man muss als Student im Praktikum auf sich aufmerksam machen, sein Recht auf Lehre nach dem Grundsatz „see one, do one, teach one“ einfordern und aktiv werden – sonst ist die Idee des PJs schnell hinfällig.

Eine arterielle Punktion ist ebenfalls eine Maßnahme, die es zu üben gilt und die anfangs der Hilfe einer dritten oder vierten Hand bedarf, um reibungslos abzulaufen. Auch das Auffinden der geeigneten Punktionsstelle anhand des Pulses gestaltet sich nicht immer einfach. Bei Patienten, deren arterieller Puls beispielsweise schon durch die Haut gut sichtbar ist, ist diese deutlich leichter durchzuführen als bei adipösen oder hypotensiven Menschen.

Auch im chirurgischen Tertial gilt es, die Nerven zu behalten, aus begangenen Fehlern zu lernen und am eigenen Scheitern zu wachsen. Am besten und sehr ratsam ist es, immer gut vorbereitet in die Operationen zu gehen, unabhängig von welchem Teilgebiet der Chirurgie. Dies schließt unbedingt ein, sich vorher mit dem geplanten Operationsvorhaben und der Anatomie des Operationsgebietes auseinandergesetzt zu haben, im Idealfall die Akte des Patienten studiert zu haben und sich schon im Vorfeld über etwaige Eigenheiten des Operateurs informiert zu haben. All dies ausführlich und in vollkommenem Zustand zu beherzigen ist sicherlich nur in den seltensten Fällen möglich, gewiss… Gerade bei kurzfristigem „Angepiept-werden“, unvorhergesehenen Eingriffen und Notfällen ist eine Vorbereitung nicht möglich. Allerdings kommt es dann im Gegenzug bei entsprechender Vorarbeit weniger zu unangenehmen Situationen, in denen der Studierende bei am Tisch gestellten Fragen zum durchgeführten Eingriff manchmal nur durch ein freundliches, unwissendes und unter der OP-Maske leider gänzlich verborgenes Lächeln sein Unwissen untermalen kann, sondern zu einem anerkennenden Lob.

Eine weitere Möglichkeit, auf etwaig bestehende Unzulänglichkeiten hingewiesen zu werden, besteht gerade am Anfang des Praktikums bei fehlender vorangegangener Erfahrung im Operationssaal im Umgang mit chirurgischer Naht- und Knotentechnik. Obwohl man dies theoretisch und auch praktisch meist schon in einem Basisfertigkeiten-Kurs beispielsweise im 1. Klinischen Semester bereits gelernt hat und dann im Blockpraktikum idealerweise erneut üben durfte, kann es durchaus passieren, dass das Wundnähen dem Operateur zu lange dauert. Dies endet entweder darin, dass dieser dann ausgeglichen vom Tisch abtritt, zu dokumentieren beginnt und einen in Ruhe nähen lässt, oder – im schlechten Ausgang des Settings – die Naht übernimmt und einen bei weiteren Operationen gar nicht mehr an Nadel und Faden lässt. Auch stellen relativ neu angestellte Assistenzärzte in Weiterbildung als „Naht-Konkurrenz“ den PJler vor die Herausforderung, überhaupt einmal nähen zu dürfen, da erstgenannte nachvollziehbar ebenfalls ihre chirurgische Arbeitstechnik verbessern möchten.

Das Praktische Jahr ist letztlich ein hervorragend zu nutzender Zeitraum, um mit ständiger Reflexion, Fehleranalyse und -vermeidung den eigenen Reifungsprozess voran zu bringen – selbstverständlich immer unter dem Grundsatz: Primum nihil nocere.  

Liebe Kommilitonen,

nutzt jede Form von Praktika und wendet euer Wissen an; bei jeder Gelegenheit, die sich euch bietet!

Eure Jenny-Lou