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Und es geht doch: Bezahlt Spitalsluft schnuppern

Obwohl es üblich ist, Medizinstudenten im Zuge verpflichtender Famulaturen unbezahlt Arbeit verrichten zu lassen, bietet das oberösterreichische Klinikum Wels-Grieskirchen eine faire Alternative. Ein Erfahrungsbericht aus dem OP der Abteilung für Augenheilkunde.

In Zeiten von drohendem Ärztemangel und hitzig geführten Diskussionen über ein verpflichtendes Grundeinkommen für alle werden Medizinstudenten vielerorts nach wie vor stiefmütterlicher behandelt. Während es in den meisten Branchen heute üblich ist, auch Pflichtpraktikanten gerecht zu entschädigen, buhlen einige Unternehmen mit kollektivvertraglich hohen Löhnen, spannenden Arbeitsbedingungen, guter Betreuung und garantierten Erfahrungswerten geradezu um die Arbeitnehmer von morgen. Ein Umstand, von dem Medizinstudenten lediglich träumen können: Zu gering fällt die Wertschätzung aus, die den Ärzten von morgen von Seiten potentieller Arbeitgeber im deutschsprachigen Raum entgegenschlägt.

Umso bemerkenswerter sind deshalb die wenigen bekannten Ausnahmen von der ungerechten Regel. Ich selbst nutzte deshalb im vergangenen September die Möglichkeit, im Rahmen einer bezahlten Ferialarbeit im Ausmaß von 4 bis 5 Wochen als Medizinische Assistenz im Klinikum Wels-Grieskirchen tätig zu sein. Ähnlich der herkömmlichen Famulatur, die auch in diesem Krankenhaus unbezahlt bleibt, unterstützt man im Rahmen dieses Praktikums Ärzte und Schwestern im Spitalsalltag und sammelt wertvolle Praxiserfahrungen für die spätere Laufbahn.

Als Voraussetzung für ein solches, exklusiv nur Medizinstudenten vorbehaltenes Praktikum ist ein sowieso empfehlenswerter Impfschutz (MMR und Hepatitis B) entsprechend den Empfehlungen des Österreichischen Bundesministeriums für Gesundheit notwendig. Ein Nachweis über den eigenen Impfstatus ist anhand eines dafür vorbereiteten Formulars spätestens zu Beginn des Praktikums vorzulegen.

OP-Assistenten beziehen dann auf Basis einer wöchentlichen Arbeitszeit von 40 Stunden ein monatliches brutto-Entgelt (inkl. Sonderzahlungen und Urlaubsabfindung) in Höhe von € 1.237,10. Je nach Verfügbarkeit dürfen sich Studierende ohne Wohnmöglichkeit in Wels oder Umgebung außerdem über eine einfache, kostenlose Unterkunft freuen. Um deren reibungslose Organisation zu ermöglichen, empfiehlt es sich, bereits bei der Bewerbung danach zu fragen. Ausreichend Bekleidung wird ebenfalls zur Verfügung gestellt, im allgemeinen Personalspeisesaal isst man zudem gut und günstig: Das 4-gängige Mittagsmenü (Suppe, Salat, Hauptspeise, Nachspeise) kostet den Mitarbeitern lediglich € 2,50 und schmeckt eigentlich immer.

Bei in etwa 2 Stunden Entfernung nach Wien und ca. 30 Minuten nach Linz ist das Klinikum Wels-Grieskirchen als größtes Ordensspital Österreichs mit 30 medizinischen Abteilungen, 1.227 Betten und rund 3.700 Mitarbeitern ein bedeutender Anbieter umfassender medizinischer Versorgung im Bundesland Oberösterreich. Unterschiedliche Schwerpunkte und Kompetenzzentren bündeln fachübergreifendes Know-how und ermöglichen interdisziplinäre Diagnosen und Behandlungen.

Medizinische Assistenz im Augen-OP

Letztendlich gibt es für die in Frage kommenden Stationen eine unterschiedliche Anzahl freier Stellen. Ich war spät dran und entschied mich für ein OP-Praktikum an der Augenabteilung. Dort traf ich auf ein aufmerksames Team an Ärzten und Pflegern, die mich – entsprechende Eigeninitiative vorausgesetzt – in den Alltag zwischen Ambulanz und OP einbanden und meinen immer wieder auftauchenden Fragen jederzeit freundlich und mit ausführlichen Informationen begegneten.

Der Arbeitsalltag beginnt in der Regel um 7 Uhr morgens mit der Teilnahme an der allgemeinen Besprechung im Ärztezimmer. Der diensthabende Assistenzarzt des Nachtdienstes stellt die aktuellen Fälle aus der Ambulanz vor und gemeinsam werden die Patienten, deren Erkrankung und das weitere Vorgehen bei der Behandlung besprochen. Je nach Erfahrung und Studienjahr kann man sich auch als OP-Praktikant oder Famulant am Gespräch aktiv beteiligen – denn aktive Mitarbeit und Interesse am Fach wird jedenfalls gerne gesehen. Im Anschluss daran machen sich alle auf den Weg an den jeweiligen Dienstort.

Zu Beginn meines Praktikums war ich auch öfters in den Ambulanzen, wo mir die untersuchenden Ärzte die einzelnen Erkrankungen direkt am Patienten erklärten. Hier kann man auch den Umgang mit Spaltlampe und Augenspiegel üben und den Blick auf, Angiografie-, CCT- und MR-Bilder bzw. direkt in das menschliche Auge schulen. Schließlich verbringt man den Gutteil der Zeit als OP-Praktikant aber im Operationssaal, wo man zwar dem Chirurgen als Assistenz zur Verfügung steht, in der Praxis aber tatsächlich eher die Rolle des stillen Beobachters einnimmt. Denn während es in anderen Abteilungen tatsächlich Haken zu halten gilt, übernehmen dies in den in den meisten Fällen Ärzte in Ausbildung, um sich die Operationstechniken anzueignen. Für die üblichen Assistenztätigkeiten (technische Assistenz, Eintropfen, Hilfe beim Ankleiden, Versorgung mit Medikamenten und Ersatzteilen wie den künstlichen Linsen) steht außerdem das geschulte OP-Personal zur Verfügung. Wiederum gilt: Engagement entscheidet, in wie fern man sich an der Arbeit beteiligen kann. Zudem hilft ein guter Draht zu den Ärzten, um möglichst viel über die aktuelle Operation, das Krankheitsbild und dessen Hintergründe zu Erfahren. Im besten Falle darf man die OP über direkt an der Seite des Operateurs am „Spion“ verbringen und somit die mikroskopische Arbeit aus nächster Nähe mitverfolgen.

Obwohl ich derzeit keine Karriere in der Augenheilkunde anstrebe, empfiehlt es sich, der Ophthalmologie (auch im Studium) mit Offenheit und Interesse zu begegnen: Die Wahrscheinlichkeit ist relativ groß, dass man irgendwann im (wahrscheinlich späteren) Leben auf die Experten dieser Spezialdisziplin angewiesen sein werden. Die aufwendigen, meist mikroskopischen Eingriffen an den Augen halten altersbedingte Verschleißerscheinungen (altersbedinge Macula-Degeneration, kurz AMD, oder Katarakte machen einen Gutteil des Arbeitsalltags aus) in Schach oder helfen dabei, angeborene oder erworbene Defekte (Retinopathien, Glaukom-Anfälle etc.) nach Möglichkeit zu beheben. Die Untersuchungs- und Operationsmethoden sind hoch komplex und die Ergebnisse mitunter mehr als lohnend. Wenn Betroffenen die Angst vor dem Verlust der eigenen Sehfähigkeit sprichwörtlich ins Gesicht geschrieben steht, wird rasch klar: die Funktionalität des Augenlichts beeinflusst die Lebensqualität massiv. Zusätzlichen stehen so genannte Lifestyle-Operationen, die z.B. mit dem Laser der Kurz- und Weitsichtigkeit den Gar aus machen und weniger von gesundheitlicher als kosmetischer Relevanz sind, aber auch Liedfaltenkorrekturen oder Schiel-Operationen an der Tagesordnung.

Euer Martin