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Ein bisschen gruselig: Mein erstes Mal Präpkurs – Tag 1

Dienstagnachmittag. Draußen regnet es in Strömen. Mein Studium hat gerade begonnen, noch bin ich etwas orientierungslos auf dem Campus-Gelände, was dazu führt, dass ich jetzt gleich am ersten Tag des Präparierkurses vollkommen durchnässt und aus der Puste ins Anatomische Institut stürze. Puh, Glück gehabt, noch alle da, zwar bereits in weißen Kitteln, aber noch stehen alle auf dem Gang. Ich drängle mich also zu meinem Spind, Jacke rein, Tasche rein (oha, richtig schwer, beinhaltet noch den ersten Anatomie-Atlas), Kittel an. Meine Spindnachbarin ist sehr nett und leiht mir ein Zopfgummi. Na also, so in weiß sehe ich schon gar nicht mehr so verloren aus. Oh, jetzt aber schnell, die ersten strömen schon in den Präpariersaal. Wie’s da drin wohl aussieht? Ich betrete den Saal. Auf den ersten Blick: weiß und zwar wirklich weiß, ich sehe nämlich nix, alles voller Menschen in weißen Kitteln. Ich bin recht klein, muss mich nochmal im Raum orientieren. Wow, auf die Zehen gestellt, habe ich sofort einen anderen Überblick. Wirklich ein großer Saal und tatsächlich stehen scheinbar willkürlich im Saal verteilt einzelne metallene Tische herum, mit je einem großen weißen Plastiksack drauf. Kurzer Augenblick der Erkenntnis: da müssen die Leichen drin sein, wobei – sollte man lieber von Körperspendern sprechen? Ist das respektvoller? Hm. Irgendwie etwas gruselig. Ich habe noch nie vorher im Leben einen echten Leichnam gesehen. Zumindest nicht aus der Nähe. Meine Tischnummer ist 9 und nach kurzem Suchen werde ich fündig. Ich setze mich etwas schüchtern dazu, versuche aber, einen coolen Blick zu bewahren. Schweigen von allen Seiten. Ah, zwei erheben sich, die sind wohl wichtig und tatsächlich, sie stellen sich als Präparationsassistenten vor, „Präpassis“. Sie wirken seriös, sind schon im dritten Semester. Mir fällt ein kleiner Stein vom Herzen, von dem ich gar nicht wusste, dass er da war: Ein Kurs nicht mit Dozenten, sondern mit „unseresgleichen“. Vorstellungsrunde. Meine Gruppe wirkt freundlich, es sind insgesamt elf Erstsemester und die zwei Tutoren. Ich werde mir erst jetzt der Situation des Studiums bewusst. Zwei 25jährige unter uns, eine von ihnen heiratet nächstes Jahr. So etwas kenne ich bisher nur von „echten Erwachsenen“. Mann, mann, mann, bin wohl doch noch ganz schön naiv. „Wie ist denn das?“, fragt da das Mädel neben mir, „Ich hab gehört, dass nächste Woche gleich ne Prüfung ist zu allen Knochen?“ Stimmt. Das Gerücht habe ich auch gehört. Kann aber nicht sein, oder? Interessiert spitze ich meine Ohren (ganz schön laut im Raum geworden, wo jetzt alle Gruppen in Gespräche vertieft sind). „Ja, genau.“, sagt da unsere Präpmama, „Das ist dann euer erstes Testat. Dafür lernt ihr alle Knochen, Bänder und grob die allgemeine Anatomie. Aber keine Panik!“ Als Reaktion auf die vermutlich elf erschrockenen Gesichter, die sie anstarren (ich weiß nicht genau, ob tatsächlich alle so schauen, ich habe vor lauter Starren keine Zeit, nach links und rechts zu gucken): „Ihr werdet das gut hinkriegen! Wir dachten letztes Jahr auch, Ogottogott, und letztlich war es dann doch machbar! Klar, leichter gesagt als getan, aber ihr werdet’s schon packen! Vertraut mir!“ Noch nicht ganz überzeugte Blicke, zumindest bin ich nur wenig überzeugt. Der Prometheus ist ganz schön fett. Und davon gibt’s ja drei Bände. Oh je, will ich das wirklich studieren? Naja, hilft nichts, da  müssen wir wohl alle durch. Schon geht’s los. Skurril, aber wahr: Unsere Präpassis holen die sog. Knochenkiste unter dem Tisch hervor. Ja, wirklich. Eine Knochenkiste voller echter menschlicher Überbleibsel. Krass. Damit hantieren wir jetzt alle herum. Mit dem Femur könnte man bestimmt auch gut einen Schwertkampf austragen. Im Nu sitzen da alle Erstis mit Atlanten vorm Gesicht und einem Knochen in der Hand, versuchen, diesen einzuordnen. Viele haben ihre Stirn vor Konzentration gerunzelt, andere stehen ratlos vor dem Skelett und wissen nicht, wo Anfang und Ende ist, noch andere …Oh Mann, ich sollte auch mal lernen. Wo bleibt mein Mediziner-Fleiß? Ich starre wieder auf meinen Atlas, da steht processus blabla. Was ist das denn? Hm. Das war mein Dienstagnachmittag. Total unproduktiv. Hänge ich jetzt schon hinterher?