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Vorklinik vs. Klinik

Wenn man wie ich kurz vor dem dritten Staatsexamen steht und das Studium gedanklich Revue passieren lässt, merkt man im ersten Moment wie wahnsinnig schnell die Zeit verging. Vor jedem Semester dachte man sich, dass nun wieder das Lernen losgeht und kaum war man wieder im Prüfungsrhythmus drinnen, war das Semester auch schon wieder vorbei. Diesbezüglich gab es subjektiv für mich keinen Unterschied zwischen Vorklinik und Klinik.

Wenn ich an das erste Semester zurückdenke, kommt es mir so vor, als ob es ewig her ist und dennoch kann ich mich an die vielen Nachmittage erinnern, an denen wir in der Bibliothek saßen um uns für die ganzen Anatomie Testate vorzubereiten. Das spannende dabei war, dass man alle zwei Wochen mit Themenkomplexen zu tun hatte, mit denen man vorher noch nichts am Hut hatte und sich dabei mit Menschen darauf vorbereitet hat, die man bis vor kurzem gar nicht kannte. Solche intensiven Zeiten bringen einen einander aber auch näher, man lernt sich umso schneller kennen und merkt sehr schnell mit wem man besser zurecht kommt oder eben weniger gut.

Wenn ich an die Fächer der Vorklinik zurückdenke und ich mich für das „wichtigste“ entscheiden müsste, würde ich sagen, dass dies Physiologie darstellt. Schlussendlich spielt es keine Rolle für welches Fach man sich nach dem Studium entscheidet, Physiologie wird immer ein Thema sein. Man kann natürlich sagen, dass Biochemie gerade für Pharmakologie natürlich sehr wichtig ist – und dem stimme ich natürlich zu – doch sind mir während meiner ganzen Famulaturen oder PJ Tertialen sehr wenig Medizinstudenten oder Ärzte über den Weg gelaufen, die mir detaillierte biochemische Hintergründe der verschiedensten Medikamente erklären konnten.

Anatomie gehört natürlich auch zu den grundlegenden Fächern im Medizinstudium, nicht umsonst widmet sich ein Großteil der Vorklinik diesem Fach. Wenn man aber später nicht unbedingt Orthopäde, Unfallchirurg oder Neurochirurg wird, so würde ich sagen, dass Grundkenntnisse ausreichen und man für spezifische Fragen auch mal einen Blick ins Buch werfen darf. Die Physiologie hingegen begegnet einem durch den ganzen klinischen Abschnitt hindurch in den verschiedensten Fächern.

Der klinische Abschnitt des Studiums unterscheidet sich zum vorklinischen Abschnitt am ehesten dahingehend, dass man nach langer Zeit das Gefühl hat wirklich das zu lernen was sich viele unter dem Medizinstudium vorstellen. Natürlich gehören die Grundlagen des vorklinischen Abschnittes dazu, dennoch lassen sich die meisten klinischen Fächer meist etwas leichter lernen, da man sich vieles besser vorstellen kann, verglichen zu einem biochemischen Stoffwechselweg, der zwar nachgewiesen im Körper stattfindet aber eben nicht mit den Augen zu sehen ist. Durch die verschiedenen Bedside Teaching Stunden, in denen man vielleicht auch Patienten mit seltenen Krankheitsbildern sehen kann, kann man sich diese in meinen Augen auch besser merken und verstehen. Natürlich gibt es auch unter den klinischen Fächern welche, die einen nicht so sehr interessieren aber dennoch weiß man nie, wann einem Patienten mit Krankheitsbildern aus dem Fach begegnen, die einen vielleicht nicht so interessiert haben. Da ist man dann doch froh, wenn ein bisschen was hängen geblieben ist.

Meine Uni ist eine recht große mit einer dementsprechend großen Anzahl an Studenten im vorklinischen Abschnitt. Obwohl sie sich sehr bemühen in Kleingruppen zu arbeiten, hat man manchmal das Gefühl unterzugehen, was manchen sehr entgegen kommt, anderen wieder weniger. Der Präparierkurs fand bei mir im ersten und zweiten Semester statt und gerade da ist einem aufgefallen, wenn Kommilitonen mit dem Tempo der Anatomie Testate und dem Lernstoff nicht zurechtgekommen sind oder sich das Studium anders vorgestellt haben und deswegen das Studium nach ein paar Wochen schon abgebrochen haben.

Auch wenn ich die genauen Hintergründe der Abbrecher nicht kenne, bin ich dennoch der Meinung, dass man nach dem ersten oder zweiten Semester nicht sagen kann, ob das Medizinstudium oder der Arztberuf was für einen ist. Meiner Meinung nach muss man sich bis zum Physikum oder auch bis zum ersten oder zweiten klinischen Semester die Zeit geben, denn die Vorklinik spiegelt nicht das wieder was der Arztberuf später ausmacht.

Das Medizinstudium ist lange, anstrengend und im Nachhinein gesagt muss ich all denen recht geben, die sagten, dass man die ersten zwei Jahre einfach durchhalten muss, weil es danach besser wird. Es wird nicht weniger zu lernen aber es wird praxisorientierter und fällt einem deswegen einfacher. Ich glaube, dass sich der ganze Aufwand, die vielen Stunden die man vor den Büchern sitzt, die ganze Nervosität vor den Prüfungen und der Stress während des Studiums, lohnt. Denn während den Famulaturen und natürlich auch während des Praktischen Jahres merkt man, dass man von den Patienten sehr viel zurückbekommt und das entschädigt dann doch für vieles, was man während des Studiums auf sich nehmen musste.

In diesem Sinne, haltet durch und verliert nicht die Motivation, denn es wartet ein anspruchsvoller Beruf voller Herausforderungen aber auch vieler schöner Momente, die den ganzen Aufwand rechtfertigen.

Eure Eva