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Von Antigen bis Zentrifuge

Nun war es soweit: der erste Tag von 365 Tagen im Labor (am Ende sollten es sogar noch ein paar mehr werden), in denen ich für meine experimentelle Doktorarbeit forschen würde, stand vor der Tür. Ein wenig Nervosität machte sich breit, nicht nur bei mir, sondern auch bei den neuen Doktoranden der anderen Arbeitsgruppen unseres Laborflures, für die es ebenfalls der erste Tag war. Doch nach der Führung durch das Labor sowie der Vorstellung der Kollegen durch meine Betreuerin wich die Nervosität schnell der Vorfreude und der Zuversicht, ein tolles Jahr zu verbringen. Und das war es wirklich.

Die erste Zeit im Labor wurde durch das Erlernen der Methoden und das Einlesen in die Literatur geprägt. Grundlegendes Wissen zum Umgang mit Pipetten, Zentrifugen etc. brachte ich zwar durch die biochemischen Praktika der Vorklinik sowie ein mehrwöchiges Forschungspraktikum mit, was zweifelsohne hilfreich war, doch die spezifisch in meiner Arbeitsgruppe bzw. für mein Projekt benötigten Techniken musste ich neu erlernen. So ergab sich in den ersten ein, zwei Wochen ein gut gefüllter Stundenplan: Zuerst ein mehrtägiger „Mauskurs“, der notwendiges Wissen sowie den Umgang mit den Versuchstieren vermittelte – und außerdem Voraussetzung dafür war, mit den Mäusen arbeiten zu dürfen. Die Einweisung in die Tierhaltungsbarriere, für deren Eintritt die Einkleidung mit Schutzkittel, Mundschutz, Haube, Handschuhen und desinfizierten Arbeitsschuhen nötig ist (damit keine Keime bzw. Erreger von außen eingebracht werden und die „spezifisch pathogen-freien“ Bedingungen garantiert bleiben). Die eigentliche Arbeit im Labor mit der Organentnahme aus den Versuchstieren, darauffolgend Isolation von Lymphozyten aus der Milz oder Isolation von nicht-parenchymatösen Zellen aus der Leber, die Anfärbung der gewonnenen Zellen, deren Analyse mittels Durchflusszytometrie (was eine Fähigkeit für sich ist; das sog. FACSen birgt selbst für langjährige Wissenschaftler immer wieder Überraschungen durch das Gerät oder die Software und hat mich daher auch mehr als einmal aufs Glatteis geführt…;-) ). Außerdem Zellkulturen, die Stimulation mit Antigen, das Abnehmen der Überstände und Messung von Zytokinen mittels ELISA; histologische Analysen; Genexpressionsanalysen durch qPCR und vieles, vieles mehr. Für mich machten die Vielfalt der Methoden, die ich in dem Jahr erlernte, die Arbeit sehr abwechslungsreich und alles andere als eintönig. Immer wieder kamen neue Aspekte dazu, die halfen, die Fragestellung von allen möglichen Seiten zu beleuchten. Eine Doktorarbeit, bei der ich monatelang z.B. nur histologische Schnitte auswerte, hätte mir kaum Freude bereitet.

Eine Frage, die mir häufig von Freunden gestellt wurde, ist die nach der Arbeit mit den Versuchstieren. In meiner Arbeitsgruppe zu Toleranzmechanismen bei Autoimmuner Hepatitis lässt sich keine andere Möglichkeit finden, sodass man sich (und ich mich) mit den Tierversuchen arrangiert. Der Respekt vor dem Lebewesen bleibt dabei – entgegen so manchem Vorurteil – erhalten oder wächst sogar noch.

Meine Lieblingstechnik ist wahrscheinlich die Bestimmung von Zytokinen im Zellkulturüberstand durch ELISA (enzyme-linked immunosorbent assay) geworden. Es ist beeindruckend, wie zuverlässig diese Methode funktioniert, selbst kleinste Mengen an Zytokinen detektieren kann und reproduzierbare Ergebnisse liefert. Außerdem erfolgte in den letzten Schritten ein Farbumschlag, der auch ästhetisch immer wieder schön anzusehen ist, aber das nur nebenbei.

Was die ganze Zeit im Labor so besonders gemacht hat und kaum überschätzt werden kann, war die Arbeit und die gute Stimmung unter den Kollegen. Gemeinsame Feiern bei Geburtstagen, erfolgreich eingereichten Papern, bestandenen Promotionsprüfungen (bei deren Verteidigungen stets nahezu alle Kollegen anwesend waren) oder einfach ein spontanes Grillen im Sommer im benachbarten Park zeugten von dem tollen Zusammenhalt über die Arbeitsgruppen hinweg – und führten bei mir dazu, dass der Abschied nach dem Jahr alles andere als leicht fiel… Zum Glück ist das Labor ja auf dem Campus-Gelände gelegen, sodass ich auch nach wie vor immer wieder vorbeischaue und mich allen dort weiterhin verbunden fühle.

Eure Lisa