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Vorklinik, Folge 13354648654949. Heute: Ich weiß, dass ich nichts weiß!

Von Andreas Fiebach
Foto: Andreas Fiebach

Wie jeden Morgen seit gefühlt zwei Jahren verließ ich obligatorisch zu spät mein zu Hause, um wieder einmal aus der Ferne meinen Bus davonfahren zu sehen. Nach der schon zur Tradition gewordenen Wartezeit von 10 Minuten kam auch schon der nächste Stadtbus, und ich beschloss, am nächsten Tag gleich 10 Minuten länger liegen zu bleiben, denn in der Früh zählt jede Minute und augenscheinlich bringt das frühe Aufstehen ja doch nichts.
Um 8h30 Uhr war ich endlich vor meiner guten Stube, der Jura-Bibliothek, um noch den vorletzten Spindschlüssel zu ergattern. Jacke verstaut, Kaffee geholt und ab vor den Rechner, IMPP-Fragen kreuzen. Fünf Stunden Zeit bis Mittach, das wird genügen für Teil eins des schriftlichen Fiesicums.
Es geht gleich los mit Physik. Ein Fach, von dem ich keine, aber auch wirklich gar keine Ahnung hab, weswegen dieser Teil des Examens immer mein Versuchslabor ist: Wie oft ist Antwortmöglichkeit „C“ richtig`? Oder welche Zahlen lieben die Kreateure dieses Kreuzelspaßes besonders? Es geht schon gut los. Drei Werte werden mir geboten und ich soll irgendwas ausrechnen. Na schön! Wohl wissend, im Physikum keine Zeit für solche Scherze zu haben, beginne ich zwei Zahlen miteinander zu multiplizieren, um sie gleich darauf durch den dritten Wert zu dividieren. Das Ergebnis ist jedoch nicht unter den Antwortmöglichkeiten.
Also nochmals in anderer Konstellation. Dieses Ergebnis ist unter Antwortmöglichkeit „E“ zu finden, was sofort angekreuzt wird. Antwort „C“ wäre richtig gewesen. Warum? Also den Lösungsweg ansehen. Mist! Ich hab mich beim ersten Mal verrechnet. Nach 20 Physikfragen steht fest: „C“ wäre fünfmal richtig gewesen und ich habe mich aus Versehen zweimal richtig verrechnet. Unterm Strich fünf Punkte. Die größte Schweinerei: keine einzige Frage zu Thales von Milet und seiner These zum Urstoff.
Die nächsten 20 Fragen sind chemisch. Das Periodensystem ist u.a. gefragt. Mein Gefühl sagt mir Antwort „C“, aber „B“ klingt auch verlockend, vor allem aber irgendwie so logisch, obwohl ich meine, im ersten Semester gelernt zu haben, dass die Aussage in Antwort „C“ richtig ist. Ich überlege: Hab ich das auch richtig im Kopf? Ich hab doch… ja, hab ich denn da nicht mal gelesen…? Stimmt da war was! Muss doch „B“ sein! Schnell ankreuzen! Mist! „C“ wäre richtig gewesen. Die Ausbeute nach 20 Fragen sind 12 Punkte, und das trotz jahrelangen Büffelns für dieses Fach mit und ohne Nachhilfe – vielleicht aber auch genau deswegen.

Die nächste Runde heißt Biochemie mit 60 Fragen: macht ja nix! Hab ich ja quasi drei Semester lang studiert. Tatsächlich verstehe ich hier auf Anhieb, was sie von mir wissen wollen. Was ein Spaß! Bald hole ich die verlorenen Punkte wieder rein und werde dann auch sofort nachlässig, was gleich mit vier Falschantworten hintereinander abgestraft wird. „Bei der Sache bleiben, Dickerchen!“, sage ich mir und hole noch kurz einen Kaffee, bevor es konzentriert weiter geht. Wieder zurück, helfen bei der nächsten Frage weder Konzentration noch Kaffee: „p53“ wird gefragt.
Ja, das hab ich gelesen! War erst vor vier Wochen, ist quasi als wär´s gestern gewesen. Was macht denn dieses vermaledeite Protein gleich wieder!? Bindet es an einen Tyrosinkinase-Rezeptor? Hemmt es Phospholipase A²? Antwort „C“ ist diesmal Schwachsinn: irgendwas mit E2F und Cyclin E. Das hab ich zwar auch erst neulich gelesen, aber das war… weiß nich, was das war, aber jedenfalls nicht das! Ich kreuze „A“, weil „C“ Schwachsinn ist und der Rest sind andere Baustellen. Oh! Aha! „C“ wäre richtig gewesen. Dann mal den Kommentar durchlesen: Stimmt! Genau das hab ich vor vier Wochen auch gelesen. Trotzdem ist die Ausbeute an Punkten nach 60 Fragen Biochemie eher beruhigend.

Die nächste Runde heißt Physiologie mit ebenfalls 60 Fragen. Optik wird gleich gefragt, nämlich Dioptrien berechnen: 1/3 oder 3/1? Mir ist nur eins klar: 1 x 3 macht keinen Sinn! Ich kreuze „C“, weil´s bisher immer richtig war und „E“ mit einem Wert von 0,758 selbst bei meinen Rechenkünsten unmöglich ist. Mist! Antwort „B“ mit 1/3 wäre richtig gewesen. Wenig später folgt mein Steckenpferd die Lunge: Der O²-Gehalt der Arteria pulmonalis wird gefragt. „Ja, aber welche denn? Die rechte oder die linke Lungenarterie?“, denke ich bei mir. Diesen selber gemachten Witz finde ich allerdings schon sehr bald nicht mehr komisch, denn die ersten drei Werte könnte ich vom Gefühl her als richtig einstufen und allein dieses Dilemma macht mich schon wieder fertig. Ich müsste wohl was rechnen. Aber was? In der Frage stehen keine Werte. Unter den Antworten sind fünf verschiedene Werte, wie ungerecht! Mmh! Antwort „C“ vielleicht? 150ml O²/Liter Blut oder „B“ mit 90 ml? Ich sehe Günther Jauch vor mir sitzen, der mir sagt, dass ich alle Joker bereits verbraucht hätte. Antwort „A“ habe ich inzwischen als zu niedrig ausgeschlossen. 150? 90? 90? 150? Es kann ja wohl nicht schon wieder „C“ sein, das können die nicht machen… also „B“! Und es erscheint auch schon das rote Kreuz für „falsch!“. Antwort „C“ wäre richtig gewesen. Warum? Ah, ja natürlich: die allseits und allzeit beliebte Hüffnerzahl hätte ich anwenden müssen, gepaart mit dem einfachen Wissen, dass die Sauerstoffsättigung im venösen Gefäß bei 75% liegt, (denn die Arteria pulmonalis ist nämlich gar keine Arterie, sondern heißt nur so, dieses hinterhältige Ding) und multipliziert mit der Hämoglobinkonzentration kommt man auf sagenhafte 150ml.
Mit einem etwas dicken Hals geh ich in die Mittagspause und kehre mit einer Verlagerung dieser Verdickung in die Bauchregion an meinen Platz zurück.

Jetzt Biologie: In der Regel ist „Mitochondrium“ oder „Mikrotubuli“ richtig, selbst wenn es nicht „C“ ist! Klingt verrückt, ist aber statistisch so! Doch diese Gewissheit scheint mir nicht zu helfen. Bläschenbildung auf der Haut, hervorgerufen durch Autoantikörper gegen: und dann prasseln die Möglichkeiten auf mich ein: „A“ Desmoglein „B“ Desmin „C“ Dystrophin. Verdammt! Mein Merkspruch zur Bläschenbildung, dem Pemphigus vulgaris „Peter wütet gegen Dieter“, hat gerade in diesem Moment versagt! Für was steht Dieter? Drei Antwortmöglichkeiten mit dem Anfangsbuchstaben D sind gegeben. D wie Dieter, was zur Hölle war D… Dystrophin? Es wäre Antwortmöglichkeit „C“…. mmmh … aber war das nicht im Muskel? Desmin? Desmin!!! Nein! Neineineinein! Das war, das war, Desmin war, … irgendwo anders … bestimmt! Desmoglein … klingt nach Dschungelbuch… Hat sich wohl die Schwangerschaftsvertretung ausgedacht, diese Frage. Ach, was soll´s! Ich kreuz „C“! Was ich sehe, hatte ich eigentlich schon vorhergesehen: das rote Kreuz. Das Dschungelbuch wäre richtig gewesen. „O.K. lieber Gott, ich mach ab jetzt ganz bestimmt keine Witze mehr über berufstätige Mütter, ich schwör´s!“, denke ich bei mir und habe Mühe, die Finger meiner linken Hand wieder zu entknoten.

Weiter geht´s mit Anatomie: viele bunte Bildchen haben sie da. Schon bald taucht da eine Frage auf, in der die Kreateure die Embryologie anhand mikroskopischer Gewebeproben beim Erwachsenen abfragen. Immer wieder erstaunt über die Raffinesse der Fragestellungen lasse ich mich ganz auf das Bildchen ein. Gewebe, das beim Fötus eine zentrale Rolle spielt, und beim Erwachsenen im pathologischen Fall wieder die gleiche Rolle spielen kann. An Antwortmöglichkeiten haben sie eine bunte Auswahl. Vom Hirn bis zur Prostata ist von allem was dabei. Ich entscheide mich für Leber, was zufällig Antwortmöglichkeit „C“ ist, mich aber nicht mehr interessiert, denn auf die Hypothese mit dem „C“ ist irgendwie kein Verlass. Tatsächlich, das grüne Häkchen leuchtet auf. Im Kommentar ist zu lesen, dass man auf dem Bild eindeutig Leberzellen erkennen könnte. Ich kann beim besten Willen keine Leberzellen erkennen, selbst im Kopfstand nicht. Nachdem die Juristen schon komisch zu mir rüber sehen, setze ich mich wieder hin und kreuze unauffällig weiter.

Jetzt der krönende Abschluss mit Psychologie und Soziologie. Natürlich werfe ich wieder die soziologischen Modelle und Definitionen wild durcheinander. Vielleicht sollte ich das Fach wenigstens zum Physikum mal ernst nehmen und einfach einige Dutzend Definitionen auswendig lernen … macht den Bock eh nicht mehr fett. Fragen zu „Diagnose Related Groups“, „Recency-Effekt“ und „primary appraisal“ dämpfen meine Begeisterung für dieses Fach. Was ist denn das schon wieder? Das hab ich ja noch nicht einmal gelesen! Während ich in Gedanken dabei bin, einen Verein zur Neolatinisierung der schulmedizinischen Terminologie zu gründen, verschenke ich durch meine geistige Abwesenheit wertvolle Punkte, und dass, obwohl ich fleißig „C“ kreuze.

Um 18 Uhr bin ich fertig mit der Psychologie, der Soziologie und der Welt. Auf der Heimfahrt im Bus begleitet mich das seltsame Gefühl die letzten drei Jahre irgendwie etwas anderes, aber doch fachähnliches studiert zu haben, aber wohl auf jeden Fall nichts, das mich auf den richtigen Umgang mit „C“ vorbereitet hätte.