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Vorklinik Folge 3256262. Heute: Ruhig Blut!

von Andreas Fiebach

Das Pflegepraktikum kann mitunter ähnliche Freude bereiten wie das Chemie,- oder Physikpraktikum. Nach dem allmorgendlichen Sturm auf die Patienten ist auf der Gefäßchirurgie eines ländlichen Klinikums etwas Ruhe eingekehrt. Ich werde angewiesen die Medikamente, die aus der Apotheke heraufkamen, im Stationszimmer in die dafür vorgesehenen Schränke einzusortieren. Eine sehr angenehme Arbeit.

Nach 15 Minuten geht mir jedoch die ewige Läuterei auf den Senkel, so daß ich beschließe mit auf die Glocken zu gehen. Ein schwerwiegender Fehler: Die Patientin darf nicht aufstehen und muß auf´s Töpfchen. Um selbiges zu holen gehe ich wieder auf den Flur, als mich auch schon eine Schwester erwischt: „Andi, kannst Du mir helfen Frau Bömmel hochzuziehen?“ „Aber sehr gerne doch!“ lautet meine Antwort und lasse das Töpfchen erstmal links liegen. Kaum ist Frau Bömmel hochgezogen, kommt auch schon die Raumkosmetikerin: „Ach der große starke Mann! Kannst Du mir die Tücher ganz oben im Schrank mal geben?“ Auf dem Weg zum Schrank begegnet mir die nächste Schwester: „Andi, kannst Du mir verbinden helfen!?“ „Sehr gerne doch!“ lautet abermals die Antwort. Die Raumkosmetikerin erhält ihre Tücher und bei der Gelegenheit kommt gleich noch das Töpfchen für die erste Patientin mit. Die Patientin kann sich nun all ihrer Lasten entledigen – also auf zum Verbinden. Mittendrin geht die Tür auf und ein Arzt kommt rein: „Andreas? Wie lang brauchst Du noch?“ Die Schwester macht etwas erbost eine Zeitansage. Arzt: „Andreas beeil Dich!“ Ich kann mich jedoch schlecht beeilen, da ich ja lediglich assistiere. Kaum wieder im Flur angelangt, passt mich der Arzt sofort ab. Ich freue mich schon: bestimmt wird mir jetzt was ganz spannendes gezeigt oder ich soll Blut abnehmen. Doch Pustekuchen: Ich muß ein Bein festhalten, während die Nekrose abgetragen wird.

Wieder auf dem Flur angelangt, kommt die Schwester aus einem ganz anderen Bereich: „Andreas kannst Du kurz Herrn Meisenkaiser mit in den OP fahren!?“ „Sehr sehr gerne doch!“ Aus einem anderen Eck ruft ein Arzt:“Wir brauchen dringend den Quick von dieser Blutprobe, geh mal ganz schnell ins Labor!“ Die Schwester, mit der ich den Patienten in den OP fahren soll wird sauer: „Das geht jetzt nicht! Außerdem steht da noch gar kein Name auf der Probe!“ Triumphierend zieht sie mit mir und dem Patienten von dannen. Als ich zurückkomme liegt die fragliche Blutprobe noch da, also runter ins Labor. Als ich wieder zurückkomme, gehe ich für meine Verhältnisse in Überschallgeschwindigkeit sofort in den Stützpunkt zurück, verberge mich hinter meinen Haufen von Medikamenten und nehme mir vor, alle Glocken erstmal zu ignorieren. Während ich nun friedlich vor mich hin sortiere, bin ich in Gedanken schon beim späteren Rundgang mit Blutdruckmessgerät und Blutzuckerbestimmung unterwegs. Wenig später ergibt sich bei eben jenem Rundgang folgende äußerst erbauliche Situation:

Ich betrete ein Zimmer: „Welcher der Herren hat den Blutdruck von 200?“

Patient: „Ich! Das ging jetzt schon die ganze Nacht so!“

Ich: „Ja drum haben sie auch mich geschickt und nicht die junge Schwester!“

Patient winkt ab: „Och….!“ Während er mir auf die Finger schaut kommt plötzlich die Frage: „Sie studieren Arzt hab ich gehört!?“

Ich blase die Pausbäckchen auf: „Och….“

Patient: „Wie weit sind sie denn schon?“

Ich: „Fünftes Semester!“ (hört sich für Außenstehende erstmal super an)

Patient: „Und wie lang brauchen sie da noch?“

Ich: „Wenn jetzt nix dazwischen kommt, etwa vier Jahre!“

Patient: „Na sie sind ja noch relativ jung!“

Ich:“Danke, danke! 185 zu 95, na der is ja spürbar runter gegangen!“

Patient schaut etwas verwirrt. Während ich zusammenpacke fragt er: „Und wollen sie dann hier im Klinikum anfangen?“

Ich lächle: „Das wäre mein Traum!“

Wie ich das Zimmer verlasse höre ich, wie der Patient zu seinem Zimmerkollegen sagt: „Gott sei Dank sind wir dann nicht mehr da!“ Worauf von beiden ein nicht unbedingt leises „Höhöhöhö!“ ertönt.

Foto: Andreas Fiebach

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  • Also beim Pflegepraktikum ist man den Schwestern unterstellt. Niemals würde ein Arzt den Vorklinik-Praktikanten um Hilfe bitten. Das wäre nicht standesgemäß. Geschweige denn beim Vornamen Ansprechen und duzen. Ja, ja....der Narzißmus der Vorklinik-Medizinstudenten schlägt hier mal wieder voll durch. Nix können, aber devot im Mittelpunkt stehen wollen. Es hat sich nichts geändert. Es ist das Studium der narzisstisch persönlichkeitsgestörten ja-Sager und Speichellecker. Weiter so. Ihr macht die Arbeit und wir die Karriere.