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Vorklinik, Folge 456356895442. Heute: Irgendjemand da?

Von Andreas Fiebach

Foto: Andreas Fiebach

Unter dem Semester ist man Teil des großen bunten Treibens am Uni-Campus, während man in den Semesterferien zwischen Pflegepraktikum und Biochemieklausur etwas verloren durch die akademische Welt irrt. Frohen Mutes begibt man sich zur Uni. Im Gepäck, wie gewohnt, zahlreiche Bücher und die 1,5 Liter-Flasche Irgendwas. Die neue Bushaltestelle, sowie die neue Campuslinie des städtischen Verkehrsbundes werden ganz persönlich eingeweiht, und es ist erstaunlich viel Platz in jedem Bus, womöglich weil der gemeine Student noch Semesterferien hat. Der Uni- Campus zeigt sich im herbstlichen Gewand, und in der Pizzeria sind lediglich zwei Putzfrauen zugange. Zielstrebig geht es zur Zentralbibliothek. „Gibt es noch Schließfächer?“ lautet die obligatorische Frage, die etwas verwundert von der Frau hinter der Glasscheibe mit „Äh,….ja!“ beantwortet wird. Erstaunlich viel Platz bietet sich mir beim Betreten des Lesesaals. Ist hier überhaupt irgendjemand? Doch, tatsächlich! Dort sitzt ein einsamer Student auf der Empore. Im hinteren Lesesaal drei Mediziner. Großer Jubel herrschte zur Begrüßung in unseren Reihen, um auch gleich wieder an unser Tagwerk zu gehen. Jeder von uns darf sich in irgendeiner Weise noch der Chemie annehmen. Nach fünf Minuten gründlich überlegtem Für und Wider entschließe ich mich für die andere Seite der Empore, in der Hoffnung, dem anderen Studenten nicht zu nahe zu treten. Im Laufe des Tages kommen ganze drei Studenten hinzu. Na gut: der nächste Tag wird in der Klinik-Bib verbracht. Die studentische Hilfskraft öffnet um 9 Uhr die Pforten. Die Schlange hinter ihr begrenzt sich jedoch auf Creszentia und meine Wenigkeit. Nach langem und abermals gründlichem Überlegen entscheiden wir uns für die Plätze an der Fensterfront. Immerhin kommt man sich mit Blick auf den Haupteingang nicht so einsam vor. Routiniert werden ganz unbeirrt die Bücher ausgepackt. Im Laufe des Tages kommen zwei Studentinnen hinzu. Um der studentischen Hilfskraft ihren Feierabend zu gönnen, entschließen wir uns bereits um viertel vor sechs unsere Lager abzubrechen. Der nächste Tag wird in der Jura-Bib verbracht. Auf die Jurastudenten ist Verlass: bekannte Gesichter aus dem Bib-Alltag der letzten Semester, in der Cafete immer was los, und siehe da: auch eine verirrte Medizinerin hat hier ihre Zelte aufgeschlagen. Ich war schon kurz davor, in der Anatomie anzuklopfen, um wenigstens ein bisschen wieder dieses Vorkliniks-Gefühl zu bekommen, doch jetzt ist wieder alles gut. Am Abend zu Hause dann die sms:“Wollen wir morgen zusammen in der Bib lernen? 9:00 Uhr Chemie-Cafete!“ Um 10:15 Uhr treffe ich am nächsten Morgen gerade noch pünktlich ein. Es sind ja doch irgendwie Semesterferien und man muss ja nicht immer übertreiben. Die beiden Herren Doktores in spe, die meine Ankunft mit einem Lächeln kommentieren, haben bereits gefrühstückt. An ihrem Tisch ein weiteres Opfer der Chemie. „Ach, auch wieder im Land!“ Ganz frech hole ich mir noch einen Kaffee und ein Schinkenbaguette, vorher läuft mal gar nichts. Auch dies wird mit einem Lächeln kommentiert. Bis 11 Uhr ist Zeit, um sich für die Biochemie-Klausur einzutragen. Mitten während meines Frühstücks tauchen der Xare und der Alois auf, den Chemieschein fröhlich winkend in Händen haltend, der von allen neugierig beäugt wird: „So sieht er also aus!“ „Was macht ihr denn hier!?“ fragen uns die beiden Helden der organischen und anorganischen Chemie. „Für Biochemie eintragen!“ Worauf sich die beiden unserem Unterfangen sogleich anschließen. Gemeinsam geht´s nach meinem Frühstück also zur Biochemie. Die Sekreteuse ist unerwartet freundlich: „Fünftes Semester? Ja, bitte hier unterschreiben!“ (Klingt fast wie: bitte jeder nur ein Kreuz!) Das wäre also erledigt. Was nun? Mensa? Bib? Da kommt noch eine Vorklinikerin, und zwar aus einem anderen Eck des Campus. „Was fehlt Dir noch?“, lautet die obligatorische Frage. Die Antwort endet grundsätzlich mit „C“, lediglich das Präfix ist variabel: AC, BC, OC. Wer das ganze ABO hat, ist arm dran. Also auf in die Mensa.“ Ob es heute wieder den Hackbraten gibt, der dann fünf Tage angeboten, aber deswegen auch nicht billiger wird?“ Leicht verklärt werden Erinnerungen aus dem ersten Semester wach. Die Tafelrunde beschließt, nach dem üppigen Mahl noch ein Käffchen in der Cafete zu sich zu nehmen. Sehr junge Menschen mit verdächtigen Prometheus-Taschen kreuzen unseren Weg. „Mmmh… Erstsemester, die wir erst gar nicht kennenlernen wollen.“ Nach dem Käffchen wird es höchste Zeit, wieder etwas zu tun. Kurz vor der Zentralbib kreuzt die nächste Vorklinikerin auf: „Was? Du auch!?“ Die Antwort kommt prompt und ohne Umschweife: „Ja! OC!“ Und still bei mir überlege ich: alle brauchen noch irgendeine chemische Klausur, aber ich höre niemanden über die Schönheit eines Pyrolrings schwärmen oder begeistert von neuen Erkenntnissen zur Veresterung erzählen. Das höchste der Gefühle sind so Aussagen wie: „Zum ersten Mal im Leben hab´ich die halbautomatische Aldol-Sterilisation kapiert!“ Irgendwas stimmt doch hier nicht! Ich bekomme Panik! „Was studiere ich?“ Hastig hole ich meinen Studentenausweis vor: Medizin, 1. Staatsexamen ist dort zu lesen. Erleichtert wische ich mir die Schweißperlen von der Stirn, begebe mich an meinen Platz und lerne die Beta-Oxidation.