X

Vorklinik Folge 5496750674. Heute: Doch was gelernt!

Von Andreas Fiebach  

Foto: Andreas Fiebach

08.16 Uhr Jura-Bib, erstmal das Stoffwechselposter ausbreiten und Glykolyse, Citratzyklus und Harnstoffzyklus wiederholen. Dabei fällt mir zum sechsten Mal diese Woche auf, dass das Produkt der Glutamatdehydrogenase nicht NADH/H ist, sondern NAPDH/H. Vielleicht kann sie aber auch beides? Wer weiss, aber ich sehe schon, ich muss noch einiges erforschen. Wie dem auch sei: Zeit, um in den Neuroanatomie-Kurs zu gehen. Nach den gehörten Referaten muss ich mich von meinem Nebensitzer veräppeln lassen, der wissen will, wie es kommt, dass bestimmte Gerüche im Gehirn eher negative Assoziationen wecken (wobei er auf mich deutet) und andere positive Assoziationen (wobei er auf den Kommilitonen zu seiner Linken deutet). Während die Diskussion zu diesem Problem im Gang ist, stelle ich mir vor, wie ich ihn in Formalin tunke. Pause! Der Vorteil an solchen Pflichtkursen ist, dass man die ganze Medizinermeute wieder zu Gesicht bekommt. Schließlich kommen auch ganz essentielle Themen zur Sprache: Pizza-Kebap- mir fällt sofort die Abi-Zeit ein. Absolut positive Assoziation! Was heut´ Abend auf den Tisch kommt, wäre somit geklärt. Weiter im Text. Unser Dozent schnipselt wieder an einem Gehirn herum und will wissen, ob uns die offen gelegten Strukturen klar sind. Heftiges Nicken von allen Seiten. Den Schein wahren, keine Lücken anmerken lassen, niemals! Die Lücke heißt nämlich Neuroanatomie. Überstanden, jetzt erstmal Mensa. Es gibt Gulasch, sogar vom Rind und genießbar. Verdauungskäffchen und schon zurück in die Bib. Biochemie-Altklausuren. Ich staune, was man nicht alles fragen kann. Als ich im Lehrbuch nachlese, staune ich, was man nicht alles vergessen kann. Der Tag in der Bib endet mit einer frustrationsreichen Klausur von 2008. Noch kurz ein Gedanke an das Physio-Seminar morgen, der sofort wieder verworfen wird. Ich werde einfach behaupten, ich hab´aus Versehen die Mitschriften vom letzten Seminar mitgenommen. Schluß jetzt! Pizza-Kebap und ein kühles Bier zu Hause auf´m Sofa. Den Tag Revue passieren lassen und zu dem Schluss kommen: Schein wahren ist die wichtigste Lektion in der Vorklinik für das spätere Berufsleben. Immer 102 mal mehr Ahnung als der Privatpatient haben, 106 mal mehr Ahnung als der Kassenpatient und 1012 mal mehr Ahnung als der Kollege, der am besten noch einer anderen Disziplin angehört und damit von Medizin im Allgemeinen schon mal gar keine Ahnung haben kann. Solche Gedanken lassen einen die Vorklinik dann doch durchhalten.