X
    Categories: : Anatomie

Das erste Mal Präpkurs

Ich weiß noch, es ist noch gar nicht allzu lange her. Das erste Semester war sehr schnell vorbei. In den naturwissenschaftlichen Fächern wie Biologie, Chemie oder Physik hat man viele Dinge gelernt. Dazu hatte man Medizinische Terminologie und Histologie. Aber das Highlight, vor allem für diejenigen, die noch frisch von der Schule kommen und noch sehr theoriebeladen sind, ist etwas komplett Neues: Die (praktische) Anatomie.

Nach den ersten Semesterferien, welche gefüllt waren mit Blockpraktika oder Krankenpflegediensten, ging es direkt los. Es ging von der allgemeinen Anatomie wortwörtlich ins „Innere“ des Menschen – in den Präparierkurs von Mensch zu Mensch.

In diesem Kurs präpariert man in kleinen Gruppen, auf Tische aufgeteilt unter Anleitung gemeinsam mit den Tutoren und Professoren. Dabei geht es um das Erlernen der makroskopischen Anatomie. Meiner Meinung nach ist dies aber viel mehr. Es ist nicht nur das reine Studieren, sondern irgendwo eine Weiterentwicklung in seinem eigenen menschlichen Sein. Respekt, Würde und Anerkennung bekommen hier noch einmal eine viel größere Bedeutung.

Unsere Professoren haben uns seelisch und moralisch gut auf den Kurs und auf unsere erste Begegnung mit den Körperspendern vorbereitet. Dabei ging es nicht nur um den gesamten Prozess, von der Bereitschaft und Einwilligung der Lebenden zu einer Körperspende bis hin zu unserem anatomischen Institut, sondern auch um die Ethik und mögliche Gedanken und Fragen, die man sich selbst stellen sollte. Ich hatte ein mulmiges Gefühl. Einerseits habe ich mich wahnsinnig darauf gefreut und fand es sehr spannend, andererseits hatte ich auch etwas gemischte Gefühle, wie ich damit wohl umgehen werde. Wie verkrafte ich das, wie kann ich den Körperspendern den nötigen Respekt entgegenbringen, werde ich umkippen? – diese und tausend andere Fragen gingen mir durch den Kopf. Andere Überlegungen sind zum Beispiel die Freude auf das praktische Arbeiten, auf das Erleben der Anatomie und ihrer Variabilität am Menschen (nicht nur, wie sie im Lehrbuch steht) oder aber auch die Ehre, dass wir überhaupt die Möglichkeit dazu haben. Es war eine große Mischung aus mehr Spannung und Freude, als Angst und Anspannung. 

Der Tag war also gekommen. Es war früh, kurz nach 7:00 Uhr. Meine Kommilitonen/-innen und ich waren natürlich überpünktlich und hatten somit noch viel Zeit, um uns gegenseitig noch einmal verrückt zu machen, bevor wir die Treppen zum Präp-Saal runtergingen. Man musste nicht genau wissen, wo er sich befindet. Man hat den Weg „erriechen“ können. Das war sicherlich nicht der beste erste Eindruck, den man hätte haben können, aber man gewöhnt sich wirklich schnell daran. Wir sind in den langen Flur gegangen, wo sich die Spinte befinden und zogen unseren Kittel an. Vorbereitet mit Atlas, Schreibzeug und Präparieranleitung gingen wir nun in den Saal und schauten uns um. Ein großer gefliester Raum, mit vielen Tischen – darauf befanden sich die Leichname, allerdings und meiner Meinung nach zum Glück noch abgedeckt. Denn während einer Einführung hatte man Zeit, sich seelisch und moralisch vor Augen zu führen, was einen jetzt erwartet, wenn die Abdeckungen heruntergenommen werden. Deswegen hat dies das erste Mal auch unsere Tisch-Tutorin gemacht, welche den Präpkurs vor genau einem Jahr bereits hatte und uns somit an die Hand genommen hat. Es war niemand allein und diese Erfahrung war für alle etwas Neues, weshalb wir alle im selben Boot saßen. Und nun war der Augenblick gekommen, wie man sich ihn schon viele Male vorgestellt hat, aber jetzt erst richtig einordnen konnte. Man hatte diese Eindrücke wirklich erst einmal zu verarbeiten und einige konnten dies besser, als andere. Auch wenn einzelne für einen kurzen Moment ohnmächtig geworden sind, hatte der Großteil keine großen Probleme. Aber ich bin der Meinung, so gut man sich auch auf so einen Moment vorbereitet, man kann nie wissen, wie man reagiert und es ist nicht schlimm, wenn der ein oder andere am Anfang ein bisschen mehr zu kämpfen hat.

Der erste Präptag verging dann auch wie im Flug. Am Anfang war die Stimmung immer noch ein bisschen gedrückt und es herrschte Schweigen. Mit der Zeit lockerte sich das zunehmend, die unangenehmen Gedanken an die Atmosphäre vergingen und die Neugierde und Wissbegierigkeit wurden von Woche zu Woche größer.

Wenn bei uns in Dresden im 2. Semester alle Präparationsarbeiten abgeschlossen und die Prüfungen an den Leichnamen absolviert sind, finden die Körperspender ihren Frieden. Sie wurden beigesetzt im Rahmen einer Trauerfeier, die wir als Jahrgang selbst für sie und die Angehörigen organisiert haben. Mir persönlich war diese auch sehr wichtig, denn ich bin den Menschen so unglaublich dankbar, dass sie uns das ermöglicht haben. Ich habe davor meinen größten Respekt und ich finde, dass wir den Menschen so ein kleines bisschen zurückgeben, beziehungsweise ihnen endlich ihre Ruhe und ihren Frieden lassen, konnten.

Es ist eine so intensive Erfahrung und wahnsinnig tolle Sache, dass wir als Studenten die einmalige Chance haben, die Anatomie am Lebenden so hautnah erkunden dürfen. Deswegen kann ich euch nur ermutigen: Habt keine Angst, sondern freut euch darauf. Mit dem nötigen Respekt ist dies die wahrscheinlich schönste Erfahrung in der Vorklinik, die wir machen dürfen!

Eure Romy