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Meine Erfahrung mit der Anatomie

Während viele meiner Kommilitonen rund um die Uhr über die Anatomie fluchen, war dies eigentlich von Anfang an mein absolutes Lieblingsfach in der Vorklinik. Sicher, es ist wahnsinnig viel zu lernen, aber ich habe in wenigen Fächern so gemerkt, dass ich wirklich Medizin studiere, wie in der Anatomie. Inzwischen habe ich zwei Präpkurse und die Histologie bereits hinter mir. Es fehlt also nur noch die Neuroanatomie.

An unserer Uni ist Anatomie über alle vier vorklinischen Semester verteilt. Wir haben mit den Extremitäten angefangen. Direkt im ersten Semester ging es also schon in den ersten Präpkurs. Natürlich war ich aufgeregt, wobei ich bereits einmal in einen Präpkurs reinschnuppern durfte, bevor ich studiert habe. Am ersten Tag haben unsere Professoren erstmal einen Spenderkörper mit in den Hörsaal gebracht, bevor wir auf die bereits teilweise präparierten Körper im Präpsaal treffen sollten. Am zweiten Termin haben wir dann unsere Tischdozenten kennengelernt. Diese sollten uns gemeinsam mit unseren Bremsern durch den Kurs begleiten und auch hinterher prüfen. Mir wurde gesagt, dass Bremser ein Marburger Begriff für studentische Hilfskräfte in der Anatomie ist, welcher historisch bedingt ist. Keine Ahnung ob das stimmt, oder ob andere Unis diesen Begriff auch nutzen. Unsere Bremser haben also erstmal festgelegt, wer welches Präpgebiet bekommt, bei mir war es der linke Oberarm. Dieses System hat aber glaube ich nur 3 Stunden funktioniert, dann haben wir da gepräpt wo halt gerade Platz war. Ich fand den Kurs unheimlich spannend, vor allem, wenn man gemerkt hat, was alles nicht so schön typisch Atlas war. Unser Tischdozent hat sich auch wirklich bemüht und uns alles erklärt. Zur Vorbereitung bin ich dann mit zwei Kommilitonen einen Tag nach Mainz gefahren. Dort war nämlich zu der Zeit die Körperweltenausstellung. Wir müssen für die anderen Besuch wirklich seltsam ausgesehen haben, wie wir mit unseren Anatomiebüchern im Schneidersitz vor den Präparaten saßen und uns gegenseitig abgefragt haben. Die Prüfung war am Ende gar nicht so schlimm, wie von allen befürchtet. Die Dozenten wollen einen nicht durchfallen lassen, sondern sind im Allgemeinen wirklich fair.

Im zweiten Semester ging es dann also mit Histologie weiter. Der Präpsaal sah auf einmal komplett anders aus. Jetzt waren dort nicht 21 Tische mit Körperspendern zu finden, sondern 100 Mikroskope und kleine Holzkästen mit Präparaten. Was im ersten Semester schon nach viel ausgesehen hat, wurde diesmal noch mehr, aber auch der Bezug zur Medizin wurde direkter. Sowohl in den Vorlesungen als auch in dem Kurs haben die Dozenten viele pathologische Vorgänge erklärt und direkt gezeigt, woran man diese erkennt. Besonders faszinieren fand ich den Aufbau der Herzmuskelzellen und der Lungen. Dies ist aber wohl meinem allgemeinen Interesse an Herz und Lunge zuzuschreiben, was wohl die meisten Rettungsdienstler spannend finden. Als es wieder auf die Prüfung zuging, war die Stimmung im ganzen Semester ziemlich angespannt. Dies war leider auch nicht ganz unbegründet, da die Klausur als PowerPoint-Klausur gestellt wurde. Dies heißt bei uns, dass alle Studenten im Audimax sitzen, und jede Frage nur 45s angezeigt wird. Selber hinterher korrigieren ging also nicht. Bei mir hat es zum Glück noch gereicht, aber die Durchfallquote lag deutlich über dem, was wir gewohnt waren. Die mündliche Prüfung entgegen war wieder recht entspannt. Jeder hatte zwei Präparate, die man identifizieren sollte und etwas dazu erzählen sollte. Meine waren Hypophyse (Hirnanhangsdrüse) und Pankreas (Bauchspeicheldrüse). Diese sind glücklicherweise sehr gut erkennbar und gerade zum Pankreas kann man vieles erzählen. Es gehörte also auch Glück dazu. Die Plazenta hätte ich wohl nicht so gut hingekriegt, aber, wenn man das ganze Buch auswendig lernen will hat man irgendwann auch keinen Spaß mehr am Studium. Ein bisschen auf Lücke lernen kann einem eine ganze Menge Ruhe bringen.

Nach den ersten beiden spannenden Semestern habe ich mich dann den ganzen Sommer auf den nächsten Präpkurs gefreut. Es sollte zwar ungefähr das Fünffache an Lernstoff des ersten Semesters werden, aber auch der Kurs versprach viel interessanter zu werden. Es ging nun nicht mehr nur um Muskeln, Nerven und Blutgefäße, sondern die ganzen einzelnen Organe im Thorax, Abdomen und Becken, sowie den Kopf und den Hals. Der Kurs war ungefähr dreimal so lang, wie der Extremitätenkurs. Man hat uns glaub ich allen angemerkt, dass dies bereits der zweite Kurs war. Während wir im ersten Semester noch alles vorsichtig mit Pinzetten angefasst haben, waren wir diesmal weniger ängstlich und haben die Organe auch ohne Werkzeug vorsichtig aus dem Körper genommen. Aufgefallen ist uns dieser Unterschied aber erst, als wir Besuch von den Pharmaziestudenten hatten, da diese zum ersten Mal dort waren und uns gezeigt haben, dass das irgendwie nicht normal ist, dass wir die Organe so fasziniert hochgenommen haben. Das zeigte sich auch immer mal, wenn man nicht nur unter Medizinstudenten dieses Thema angesprochen hat. Die Blicke waren immer wieder eindeutig. Auch diesmal waren natürlich gerade die abnormen Verhältnisse besonders spannend. So war unsere Körperspenderin an einem Schlaganfall verstorben und hatte auch viele weitere Besonderheiten am Gefäßsystem. Ihre Bauchschlagader war sehr fest, was durch starke Arteriosklerose bedingt war. Zudem war ihr Herz sehr untypisch. Der deutlich vergrößerte rechte Vorhof und die mehr als daumendicke Halsvene waren Anzeichen für eine Herzinsuffizienz. Diese eigene Suche nach pathologischen Veränderungen und der Todesursache machte den Kurs wahnsinnig spannend, vor allem, wenn der Pathologe uns dann die Auflösungen zu unseren Vermutungen mitgeteilt hat. Kurz vor Weihnachten wurde dann wieder die allgemeine Anspannung größer und die anderen Vorlesungen leerer. Es war diesmal wirklich viel Stoff, aber auch das war machbar und wir konnten alle aus dem Kurs gehen, in dem Wissen wirklich viel gelernt zu haben.

Alles in allem ist die Anatomie wohl das vorklinische Fach, was mir immer in Erinnerung bleiben wird. Die Faszination den menschlichen Körper so direkt kennenzulernen hat das viele lernen wettgemacht. Somit freue ich mich wirklich auf das nächste Semester mit dem Neuroanatomiekurs, auch wenn dann das Physikum immer näher rückt. Für alle die es den Präpkurs noch vor sich haben: Macht euch keine Sorgen, man gewöhnt sich selbst an den Geruch und es ist wirklich wahnsinnig spannend.

Eure Pia