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Physik – ein Nebenfach, dass nicht jedem gefällt

Eigentlich kann man in Marburg wirklich sagen, dass der Physikschein geschenkt ist. Das kann ich aber, wie gesagt, nur von Marburg berichten. Von Freunden an anderen Unis habe ich da auch andere Sachen gehört. Aber nun zurück zu Marburg. Das schlimmste an der Physik ist bei uns wohl der Ort. Um zum Physikgebäude zu kommen muss man nämlich eine kleine Bergwanderung unternehmen und Busse sind da Wunschdenken.

Physik wird bei uns tatsächlich etwas stiefmütterlich behandelt. Vorlesungen hatten wir, mit Ausnahme der Sicherheitsbelehrung, keine. Der Hauptteil des Faches war das Praktikum. Im ersten Semester waren es sechs Versuche und im zweiten nur noch vier Versuche. Die Versuche selbst haben irgendwie auch Spaß gemacht und hatten auch Bezug zur Medizin. Ich kann mich an einen Praktikumstag erinnern, da haben wir Röntgenstrahlen untersucht. Angefangen haben wir mit Holzwürfeln, in denen ein Nagel in einer bestimmten Orientierung lag. Ziel des Versuchs war es, die Richtung des Nagels und seine Entfernung zu den jeweiligen Ecken genau zu bestimmten. Hierzu durften wir den Würfel dreimal röntgen. Weiter ging es dann mit kleinen Filmdosen (für die jüngeren: Es gab nicht immer Digitalkameras). In diesen Dosen waren kleine Gegenstände versteckt und wir sollten durch die Röntgenaufnahmen feststellen, was diese Gegenstände sind. Einige waren ganz einfach, wie zum Beispiel eine Muschel, aber je nach Richtung im Röntgengerät, welches immer nur einmal genutzt wurde, war es dann doch komplizierter. Als weiteren Schwierigkeitsfaktor gab es auch Gegenstände, welche quasi durchlässig für die Strahlen waren und somit kaum erkennbar waren. Man sieht also, Physik ist relevant für unsere möglichen späteren Berufsfelder in der Medizin.

Nicht so lustig wie die Versuche selbst waren dann die Protokolle. Zu Beginn sahen die echt nett aus, da wir Vordrucke hatten, welche ein bisschen an Lückentexte erinnerten. Jeder Schritt war einzeln aufgeführt und es gab klare Anweisungen und Fragestellungen. Wir sollten Gruppen aus drei Studierenden bilden und gemeinsam nur ein Protokoll abgeben. Nach jedem Versuch hatten wir genau 14 Tage, um die Protokolle einzureichen und dann nach weiteren 14 Tagen die Möglichkeit diese wieder abzuholen. Und genau da fängt das Problem an. Zunächst hatte jede Gruppe eigene Betreuer, welche an den unterschiedlichsten Orten in der Stadt aufzusuchen waren. Ich hatte immerhin das Glück nicht auf die Lahnberge fahren zu müssen. Wenn man also seinen Betreuer endlich gefunden hatte, mitunter an deren Privatadressen, musste man hoffen, dass dieser einem das Haupttestat unterschreibt. Das war längst nicht immer der Fall. Ein Strich im Protokoll nicht exakt so, wie der Betreuer es wollte oder eine Formulierung nicht passend und man wurde zurückgeschickt. Wieder 14 Tage Zeit alles zu korrigieren und wieder abzugeben. Dieser Vorgang konnte sich mit etwas Pech diverse Male wiederholen. Einige meiner Kommilitonen sind noch zwei Semester später auf der Jagd nach ihren Haupttestaten gewesen.

Wenn man also mindesten vier der sechs Haupttestate gesammelt hat, im zweiten Semester drei von vier, durfte man an der jeweiligen Klausur teilnehmen. Diese war, wie bereits erwähnt, ein Geschenk. Es handelte sich um eine Freitextklausur, die selbst von den Werten exakt wie die Altklausuren aussah. Das einzige Problem war, dass wir keine Formelsammlung haben durften. Die eigentliche Leistung bestand also darin Formeln auswendig zu lernen. Hierbei war vorgegeben, dass zu jedem Versuch gleich viele Punkte vergeben werden durften und die Bestehensgrenze lag bei wunderschönen 33%. Ich habe also auf Lücke gelernt. Da zwei perfekte Themen zum Bestehen reichen, habe ich auch nur drei gelernt. Das hat auch tatsächlich völlig gereicht. Da ich bereits die komplette Oberstufe Physik hatte und einige Formeln kannte, war es für mich auch etwas leichter als für andere, aber machbar war Physik eigentlich für Alle.

Um nochmal zur Relevanz dieses scheinbar so kleinen Nebenfachs zu kommen. In Physiologie kommen gerade nahezu alle Formeln wieder. Wenn es um Muskeln geht sind es die Rechnungen zur Kraft. Beim EKG, EMG und EEG ist die Elektrophysik plötzlich wieder wichtig und beim Herz-Kreislaufsystem sind Drücke und die Eigenschaften von Flüssigkeiten in einem geschlossenen System durchaus auch hilfreich. Biologische Membranen sind übrigens Kondensatoren, also auch wieder Physik. Die Physik bereitet also ein bisschen auf die großen Fächer der Vorklinik, besonders auf die Physiologie, vor. Zum Abschluss kann ich nur sagen, Physik ist kein Hexenwerk und wirklich gut machbar, aber es lohnt sich später, wenn man die Zusammenhänge auch verstanden hat und nicht nur auswendig lernt.

Eure Pia