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Wie entsteht heutzutage eigentlich eine anatomische Zeichnung?

Fürs Medizinstudium braucht der Medizinstudent einen Anatomie-Atlas. Doch wie entsteht eigentlich eine anatomische Zeichnung für einen Atlas? Sonja Klebe, die auch am Sobotta Anatomie-Atlas mitgearbeitet hat, beschreibt es hier:

„Lustiges“ und Gruseliges gab es früher, als wir Zeichner noch aquarellierten und uns in den Präparatesälen diverser Anatomieanstalten verliefen oder mit unseren Professoren zusammen nach geeigneten Präparaten herumsuchten. Die Erheiterung überbrückte die zunächst noch ungewohnten Leichen-Begegnungen.

Löschtaste statt Radiergummi
Damals zeichnete ich erst mal Skizzen direkt nach einem Präparat auf Transparentpapier. Durch immer neue Blätter wurden die Vorzeichnungen solange ergänzt und ausgefeilt, bis sie vom Professor medizinisch/anatomisch ‚abgesegnet‘ waren. Danach wurden sie auf Aquarellkarton übertragen und ins Reine gezeichnet. Die wesentlichen Korrekturarbeiten mussten bereits in der Skizzenphase definitiv ausgeführt sein, denn die Aquarelle zu korrigieren, war damals technisch im Vergleich zu heute ein extrem hoher Aufwand. Geändert werden konnten nur noch Kleinigkeiten – oder man musste neu anfangen.
Toll, wie das dagegen heute geht: Die gesamte Kommunikation mit den Autoren erfolgt per Email und Telefon. Fotos und Dateien werden hin- und hergeschickt, das Radieren wird ersetzt durch die Löschtaste.

Wie entsteht heute eine Anatomiezeichnung?
Als erstes schickt der Autor Vorlagen oder Scribbles, die eine bestimmte Körperregion oder ein Organ zeigen. Es wird eingehend besprochen, auf was es bei der geplanten Abbildung besonders ankommt. Danach entstehen die Grundzeichnungen per ‚Photoshop‘ oder ‚Illustrator‘. Das Bild wird in Etappen zusammen mit dem Autor erarbeitet, um bereits von Beginn an grundsätzliche Fehler zu vermeiden. Gerade die in der Anatomie besonders wichtigen räumlichen Zusammenhänge können so schon frühzeitig deutlich herausgearbeitet werden. Heute lege ich eine digitale Abbildung in vielen Ebenen an, so dass Details dazwischen einfügt werden können, wie Lymphgefäße, Arterien oder Nerven. Mit dieser Technik lassen sich auch Korrekturen leichter realisieren. Im Verlauf der Ausarbeitung werden die vielen Layer immer weiter zusammengefasst. Schlussendlich wird das Bild auf eine Grundebene reduziert und es ist nur noch für Eingeweihte zu erahnen, aus wie vielen Ebenen es mal bestanden hat.

Digitales „Weiterverwursten“
Die digitalen Effekte verleiten einige Zeichner ohne anatomische Grundkenntnisse heute dazu, im Detail nicht mehr so genau hinzuschauen, was an vielen – leider auch neuen – Abbildungen, die z.B. im Internet herumgeistern, studiert werden kann. Es ist deutlich zu erkennen, ob jemand schon einmal ein Präparat gesehen hat oder nur Vorlagen „abkupfert“, die er nicht wirklich versteht. Die Einfachheit des Kopierens und der digitalen Weiterverwurstung verführt manchen leider nicht nur zu Urheberrechtsmissbrauch, sondern auch zu sinkender Qualität in der visuellen Umsetzung von wichtigen Inhalten.
Detailgenauigkeit und Ästhetik
Und genau dies macht den Unterschied zu guten anatomischen Zeichnungen aus: was ein Zeichner verstanden hat, kann er zeichnerisch gut vermitteln. Detailgenauigkeit und Ästhetik müssen zu einer Einheit werden. Dies sind die entscheidenden Vorteile einer guten Zeichnung im Vergleich zur Fotografie: Erstens die Ästhetik, zweitens die Betonung wichtiger Details im Gegensatz zu vielen nicht relevanten Strukturen sowie drittens die räumliche Gewichtung, die in der Präparatfotografie oft durch zuviel oder zuwenig Ausleuchtung unklar wird. In meine Zeichnungen integriere ich gerne fotografische Effekte, um damit Strukturen realer wirken zu lassen.

Ein schön gestaltetes Buch
Noch etwas hat sich heute gegenüber früheren Zeichnungen geändert: Im Gegensatz zu den alten, meist geradezu pedantisch persönlich wirkenden Präparatabbildungen liegt heute der Schwerpunkt auf der Ästhetik der Illustrationen. Dieser Aspekt beeinflusst sogar die Verkaufszahl der Bücher/Atlanten positiv, wie ich gehört habe, was auch absolut nachvollziehbar ist: Aus einem schön gestalteten Buch, das man gerne anschaut, lernt man auch besser, oder?

Sonja Klebe
Medizinisch-naturwissenschaftliche Grafik & Illustration